Janusz Korczak – eine Empfehlung.

Janusz Korczak (1878? -1942) war ein polnischer Arzt, Waisenhausleiter, Schriftsteller und Pädagoge. Seine Ideen und Gedanken zur „Sache der Kinder“, seine Vorreiterrolle für Kinderrechte und seine pädagogischen Ansätze erscheinen mir in ihrer Bedeutung zumindest auf einer Stufe mit bei uns deutlich berühmteren „ReformpädagogInnen“ zu sein, weshalb ich hier eine Empfehlung (vor allem, aber nicht nur) für alle, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, aussprechen möchte.

Wer den Namen Janusz Korczak nicht kennt, könnte zunächst durch folgenden kurzen Film interessiert werden: Die Steine weinten… Über Leben und Tod des Janusz Korczak (Youtube). Sehen Sie sich dieses Video an, wenn Sie etwas Zeit haben, nicht nur nebenbei. Es ist eine kurze, aber berührende Einführung in die Geschichte und Pädagogik Korczaks, deren Titel sich darauf bezieht, dass Korczak, seine Mitstreiterin Stefania Wilczyńska, deren KollegInnen und 200 Kinder des Waisenhauses „Dom Sierot“ aus dem Warschauer Ghetto im August 1942 von den Nazis in das Konzentrationslager Treblinka deportiert und dort umgebracht wurden. Korczak wurde als Verfasser des damals auch bei Deutschen bekannten und beliebten Kinderbuches „König Hänschen I.“ (Der kleine König Macius) von einem deutschen Soldaten am Deportationsbahnhof angeboten, nach Hause zu gehen und die Kinder alleine fahren zu lassen, was dieser aber mit den Worten „Nicht jeder ist ein Schuft!“ ablehnte.

Der Soldat, der vielleicht seinem eigenen Kind vorgelesen hat und den Autor des Kinderbuches verschonen wollte, aber 200 Waisenkinder in Viehwagons pferchen half und sie wissentlich in den Tod schickte, weil sie oder ihre Eltern einen anderen Glauben hatten, ist ebenso Teil der Menschheitsgeschichte wie Korczak. Auch das sollten wir nicht vergessen.

Korczak formulierte drei Grundrechte der Kinder auf Basis seiner Pädagogik der Achtung:

  • Das Recht des Kindes auf den heutigen Tag
  • Das Recht des Kindes, so zu sein, wie es ist.
  • Das Recht des Kindes auf den eigenen Tod (ein Plädoyer gegen Überbehütung, das der Pädagoge in mir versteht, dessen drastische Formulierung aber als Vater schwer zu ertragen ist)

Es gibt noch viel mehr zu entdecken, z.B. das Kinderparlament oder das Kameradschaftsgericht und natürlich die Ablehnung der Gewalt in der Erziehung. Abschliessend möchte ich aber eine zufällig aufgeschlagene Stelle aus seinen Tagebuch-artigen Aufzeichnungen zitieren:

Ich verspürte keinerlei Angst, als ich sah, dass ich manche Kinder mehrmals ermahnen musste, sich nicht aus dem Waggonfenster zu lehnen und nicht auf den Gang hinauszulaufen. Schon bot sich mir ein Junge an, an der Tür Posten zu stehen und aufzupassen, ein anderer wollte die Namen derer aufschreiben, die nicht gehorchten. Beide Vorschläge lehte ich mit einer scharfen Bemerkung ab: „Pass nur auf dich selbst auf; schämst du dich denn gar nicht, deine Kameraden aufzuschreiben?“

Sommerkolonien (geschrieben 1914 – 1918, erstveröffentlicht 1920) in: Wie man ein Kind lieben soll (S.184)

Ich finde diese Zufallspassage eigentlich sehr passend, wenn ich höre/lese, dass Menschen andere Menschen anzeigen, weil sie zu nahe beieinander auf einer Parkbank gesessen sind. Wir leben derzeit infolge der „Corona-Krise“ in einer für uns schwierigen Zeit (wenngleich bei dem Gedanken an Korczaks Geschichte und die Zeit des Nationalsozialismus diesbezüglich Demut angebracht erscheint), aber Vernaderer und BlockwartInnen haben uns noch nie weiter gebracht. Lehren wir doch stattdessen z.B. Hilfsbereitschaft und situatives Denken.

Buchtipps:

Korczak, Janusz: Wie man ein Kind lieben soll. Herausgegeben von Sabine Andresen. (17. Auflage 2018)

Beiner, Friedhelm: Was Kindern zusteht. Janusz Korczaks Pädagogik der Achtung. Inhalt-Methoden-Chancen. (3. Auflage 2018)